sekundenbuch
gedichte & gesänge
 


sekundenbuch_klein







Coverbild: Kai Feldschur

ISBN 978-3-86660-144-4
Erscheint im März 2012  im Leipziger Literaturverlag.      


Wer Lyra spielt, enthebt sich des Alltags. Deshalb wohnen diese Texte nahe der Musik. Poesie als Tat: Im Spiel mit den Sprachformen Unfassbares fassen, es durch Abschreiten der Erkenntnisränder beschwören. Diese Aktionsart versteht man in Mailand, Helsinki, Yoshkar-Ola, Banda Aceh oder Biak/West-Papua, in Clubs und Kathedralen genauso wie an der Akademie der Künste in Berlin: Rhythmus und Klang, die Performance des Sprechens, den Atemtanz. Für das sekundenbuch sind aus dreiunddreißig Jahren poetischer Praxis in aller Welt jene Texte ausgewählt, die sich darüber wundern, dass es Menschen gibt, die atmen und singen, obwohl eigentlich alles dagegen spricht. Manche dieser Texte könnten gesungen werden, andere verweigern sich dem aus gutem Grund. „Die gewöhnlichen Begriffe müssen neu durchdacht und dem komplexer gewordenen Kenntnisstand von der Wirklichkeit angepaßt werden. Dabei soll der Bewegung des Denkens, den Nebenbedeutungen und Assoziationen im Bewußtsein Beachtung geschenkt werden, da das Gewebe von nur halbbewußten Vorstellungen, das durch Sprache hervorgerufen werden kann, den Sinn dessen, was angesprochen werden soll, eventuell besser wiederzugeben vermag, als ein logisches Schlußverfahren.“ sagt Heisenberg, einer der besten Dichter des letzten Jahrhunderts (1901-1976, Nobelpreis für Physik). Dessen Prinzip der Unschärfe besagt, dass das kleinste Ding Materie oder Welle ist, je nachdem, wie man es betrachtet. Was nicht heißt, dass es zweierlei ist oder sein kann, sondern nur, dass wir mehrere Konzepte brauchen, um zu verstehen, was doch mühelos eins ist. Das trifft auch auf die Gedichte Martin Jankowskis zu, deren Thema die Unfassbarkeit des Lebens ist.

(Verlagsankündigung)
 

                        >> 33 Jahre Poesie << (Bemerkungen zum Buch)

 

     tsunamibaby

             die neue welle kommt baby
                ich weiß nicht ob du weißt
                was das heißt

                ich sitze hier auf dem berg baby
                la france schlägt hawaii in der frage der küsten
                moschus ist zum glück wieder out
                berufserfahrung absolute bedingung
                3D in echtzeit wird endgültig standard
                und pink ist die kommende farbe

                ich habe hier oben den überbiß überblick
                romane und filmtrilogien machen das rennen
                wer klug ist schreibt jetzt die explicit lyrics
                zum soundtrack gleich in mehreren sprachen
                mein urteil über die wasserstände tobt uneingeschränkt
                auf der nach unten lachenden richterskala
                bis morgen baby ich melde mich nach einer kurzen
                bewerbungspause mit neuster erkenntnis zurück

                zu nichts zu gebrauchen
                doch zu allem bereit
                ich sitz auf dem berg baby
                bei den riesigen schirmen
                in klamotten die rechnen
                und bilder empfangen
                bei den glänzenden schirmen
                mit denen wir das all abgrasen
                und in london zersägen sie kühe
                als kunstwerk in bangkok haben
                sie schaben als freund

                die neue welle kommt baby
                ich weiß nicht ob du weißt
                was das heißt

                wenn du wissen willst
                was du tun sollst baby
                such deinen eigenen stil
                die kataloge schicke ich dir



          neue songs
 

          entbunden
            der pflicht zur revolution
            genießen wir den vormittag
            und das nölen der alternden
            jogger das früher alles besser
            schlecht war und die jugend
            nicht so mild lächelte

          wir erfreun uns der sonderberichte
            von den täglichen weltuntergängen
            sorgen und entrüsten uns ein wenig
            brav rebellisch wie es sich gehört
            und gehen dann duschen

          man wirft uns
            vor alles hinzunehmen
            und zu wenig unzufrieden
            zu sein wir nicken zustimmend
            und schalten die großartige musik
            aus dem radio ab wir pfeifen
            eine kleine melodei
            nicht neu aber na und

          man bietet uns revolutionäre
            softdrinks sensationelle
            kreationen und handgepflückte
            probiotische weltkulturen 
            wir staunen aber
            wir danken

          zugegeben ein glas wasser
            ist nicht neu
            aber immer noch
            ziemlich gut

 


© martin jankowski
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