RABET oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung
martin jankowski
Roman, via verbis verlag, 1999 München.
Hardcover, 256 Seiten; 15,- €.
ISBN 3-933902-03-7 98
Zu beziehen per Bestellung im lokalen Buchhandel über das Verzeichnis lieferbarer Bücher, über www.amazon.de oder über den Verlag (siehe kontakt). Besprechungen unter presse. Ein Vergleich der Wenderomane von Thomas Brussig, Ingo Schulze und Martin Jankowski findet sich hier. Ein Interview von 2009 zum Thema hier.
Eine aktuelle Rezension von 2010 hier. Und eine Leseempfehlung des Goethe-Instituts auf Englisch hier.
Erschien im Frühjahr 2009 auch bei Cabila Edizioni (Mailand) in der italienischen Übertragung von Cristina Beretta mit einem Vorwort von Ingo Schulze
und einer Einführung von Katrin Birge Gilardoni-Büch*. Eine indonesische Version erschien im Herbst 2010; englische und
tschechische Übersetzungen existieren in Auszügen. Einen
Schüler-Kurzfilm über 1989 inspiriert von Zitaten
aus "Rabet": film (2009).
wikipedia (Romaninfo).
>> Auf diesen Roman mussten wir zehn Jahre warten! <<
(Thomas Meyer, Leipziger Volkszeitung)
>> ...beschreibt sehr authentisch, wie sich vor allem junge Leute
in Leipzig gegen das erstarrte System wehrten - und es schließlich ins
Wanken brachten. << (STERN; stern extra 4/2009, "Gegen die Mauern
im Kopf")
>> So realistisch und komisch zugleich war vom Endspiel der
ostdeutschen Geschichte bisher selten die Rede... << (Wolfgang
Engler, Soziologe und Autor von >> Die Ostdeutschen <<)
>> Martin Jankowski belongs to the most interesting voices of a
new generation of East-German writers ... << (Caroline Wyatt, BBC)
>> ...einer der wenigen Romane, in denen die europäische
Dimension des Umsturzes zum Ausdruck gebracht wird ... wirkt einer
Legendenbildung um die 'Wende'-Ereignisse entgegen.. << +++
>> Jankowski ist einer der wenigen Autoren, die nicht nur
kritisch, sondern auch ironisch kommentieren... << (Frank Thomas
Grub, "Wende und Einheit im Spiegel der deutschsprachigen Literatur",
de Gruyter Berlin - NewYork, 2003)
>> Jankowski beschreibt literarisch, wie der Ruf "Wir sind das
Volk" entstand... << (Vanessa Fischer, Deutschlandradio Kultur)
>> Jankowski zieht den Leser unaufhaltsam in den Strudel einer
verwirrenden und verwirrten Zeit hinein. [...] 'Rabet' überzeugt mit
Nachdenklichkeit, dem Sinnen über verlorene Werte, Freunde und 'eine
Himmelsrichtung'. << (Kreuzer, 2/2000)
>> Jankowski hat den Mut bewiesen, sich dem Thema der
'Heldenstadt' aus interner Sicht zu nähern. << (Junge Welt,
11.01.2000)
>> Mit greifbaren Bildern ... vermittelt Jankowski das
Erscheinungsbild einer von außen und innen zerfressenen Nation.
<< (Neue Westfälische, 14.09.2000)
>> ...reflektiert mit Ironie all die spannenden Monate zwischen
Anarchie und Euphorie ... << (Leipziger Volkszeitung, 08.10.1999)
>> Als ich im Frühjahr 2005 das Manuskript von 'Neue Leben'
Martin zu lesen gab, lächelte er und schenkte mir seinen Roman 'Rabet'.
Ich las 'Rabet' - und begann einiges in 'Neue Leben' zu ändern.
<< (Ingo Schulze, Schriftsteller)
zum Roman:
Benjamin Grasmann, deutscher Journalist in Jerusalem, erzählt seiner
ihm unbekannten Tochter, die in New York lebt, entscheidende Erlebnisse
aus dem Leipzig der Jahre 1987-90, über die er jahrelang geschwiegen
hatte... Schritt für Schritt werden die absurden Geschichten und die
Lebensgefühle einer versunken geglaubten Epoche sichtbar;
Erschütterungen, die Grasmann ein für alle mal in den Knochen klopfen,
ob er will oder nicht. Zum ersten Mal in der sogenannten >>
Wendeliteratur << wird mit diesem Buch die >> Wende
<< literarisch aus der Sicht eines Oppositionellen geschildert:
Fiktiv die Figuren, authentisch das Geschehen: >> Eine
eindringliche Innenansicht der Vorgänge am Ausgangspunkt der deutschen
Wende... << - und der Lebensträume, Enttäuschungen und
Glücksmomente ihrer wirklichen Protagonisten. Plötzlich wird klar, dass
die Dynamik des Geschehens bis heute fortwirkt.
Leseprobe:
...
Im September 1987 war es vorbei. Es gab nichts zu reden. Ich hatte eine
Entscheidung getroffen. Es war besser, wenn vorerst niemand davon
erfuhr. Eines Montagmorgens packte ich noch vor dem Weckerklingeln
meine Sachen und verschwand. Es war alles genau vorbereitet. Wenn ich
schon in einem Käfig leben mußte, dann wollte ich das Bestmögliche
daraus machen: Mich den Montagen entwinden, die in abgezählten Bündeln
bei den zuständigen Stellen für mich bereitlagen. I don't like...
Irgendwo mußte noch eine andere Musik gespielt werden.
...
Im größten Sackbahnhof des Landes stieg ich aus.
Leipzig. Der
Verkehr lärmte braungrau im bläßlichen Sonnenlicht, es stank nach
giftigem Herbst. Das riesige Doppel-M auf dem Selbstmörderturm neben
dem Bahnhof drehte sich gemächlich über dem Gewimmel, strahlte in
deplaziertem Himmelblau, als wollte es von etwas ablenken. Die Blicke
der Passanten verschwammen im Leeren. Ich war zufrieden. Zu Fuß machte
ich mich auf in die Gegend östlich des Bahnhofs und verschwand im
Labyrinth schmutzigbrauner Wohnblöcke. Aus den Treppenhäusern sickerten
seltsam modrige Gerüche auf die Straße. Je weiter ich mich vom Bahnhof
entfernte, desto stiller wurde es im Häusergebirge. Auf den Dächern
rosteten schiefe Antennenwälder, aus Hunderten winziger Lecks in den
verbeulten Fallrohren tropfte es rhythmisch, von den Fassaden bröckelte
Putz. Mit einem hallendem Geräusch fiel er in die Straßenschluchten, in
deren dämmrigen Winkeln sich irgendwo mein neues Zuhause verbarg, und
blieb auf den Bürgersteigen liegen. Eine lähmende Unzufriedenheit
hockte breit über dem Häusermeer. Das Atmen wurde zur Anstrengung, die
den Einsatz des ganzen Körpers verlangte. Die Luft schmeckte nach
Abgasen und Kohlenruß. Mein Instinkt sagte mir, daß ich hier richtig
war. Es war der Geruch der Gärung, der mich anzog.
Mit Bedacht hatte ich diese Stadt als Zuflucht gewählt. Ich hoffte, daß
sich hier etwas Ungeregeltes finden würde, etwas, daß Lücken zwischen
den Käfigstäben auftun könnte, weil der Druck hier am größten, die
Katastrophe am wenigsten zu verschleiern war. Nirgendwo war der
Unterschied zwischen Sonntag und Montag offensichtlicher. In Leipzig
war zweimal im Jahr zehn Tage lang Sonntag. Dann wurden breite Plakate
über die Häuserfassaden gespannt; buntgekleidete Gestalten aus allen
Teilen der unbekannten Welt überschwemmten die Stadt; als Touristen
oder Geschäftsleute tänzelten sie über die unwirklich glatten Fußböden
der Ausstellungshallen der Handelsmesse, lächelten unentwegt, aßen,
immer in Eile, in eigens für sie hergerichteten Restaurants Speisen,
deren Namen nicht einmal die wochenlang penibel geschulten Kellner
richtig auszusprechen vermochten, und verschwanden so unvermittelt, wie
sie gekommen waren. Montag war, sobald der Spuk vorbei war. Wenn man
wie immer übers löchrige Kopfsteinpflaster schlufte, nach Atem rang und
sich verwundert die Augen rieb. Reibung setzt bekanntlich Energie frei.
...
Die Straße hieß Rabet und lag am Rande eines gottverlassenen Viertels.
Niemand konnte erklären, was ihr Name bedeutete. Es klang, als würde
ich auf eine vergessene Insel ziehen. Das gefiel mir.
Die kleinen Zimmer im obersten Stockwerk rochen nach der buckligen
Frau, die seit dem Krieg hier gewohnt hatte und erst vor kurzem
gestorben war. Es gab nur Außenwände. Nur einen einzigen Kachelofen.
Schmale Fenster. Doch da war eine Tür, die man schließen konnte. Ich
schloß sie.
...
Ein unablässiges Sirren im Sand war der einzige Laut. Ich konnte es
hören, weil mein Ohr auf dem Boden lag. Es kam von den winzigen
Körnchen, die der Wind unablässig über die feuchte Fläche trieb. Ein
eindringlicher, unirdischer Ton an der oberen Grenze des Hörbaren.
Ich spürte, wie der Ton in mich sickerte, wie er nach und nach meinen
Körper durchdrang und mit feinem Vibrieren alles herauslöste, was
überflüssig war. Die Bilder, die Worte, die Angst. Wann hatte ich
zuletzt einen solchen Ton gehört?
Nicht weit von der Stelle, wo wir lagen, breitete sich das Wasser bis
zum Horizont. Die Möwen schwiegen, Wind spielte im Dünengras, die Sonne
war verschwand und färbte den Himmel am unteren Rand lachsfarben.
Darüber wölbte sich tiefes Blau.
Ungewöhnliche Stille erfaßte alles. Den Himmel. Das Wasser. Den Strand.
Die Buhnen, die Tangballen, die Dünen. Die Quallen, die Möwen, die
Uferschwalben. Uns.
Meine Haut brannte von der Sonne, vom Salzwasser. Gesas Hand lag
kühlend zwischen meinen Schultern. Wenn ich die Augen öffnete, sah ich
einen blassen Arm. Eine Achselhöhle, kurze Härchen darin. Zimtfarben.
Eine kleine sanft gewölbte Brust mit einem dunkelbraunen Punkt in der
Mitte. Helle Sandkörnchen klebten daran. Vorsichtig rieb ich sie mit
der Fingerspitze fort.
Das Sirren im Sand. Es roch nach vertrocknenden Seepflanzen, nach brackigem Wasser.
Gesas Auge, strahlend grau. Kein Ausweichen. Die Atemzüge zerfielen in der Stille.
Das Spiegelbild meines Auges. Das kaum merkliche Zittern des Wassers.
Uns wuchsen feuchte Häute. Wir schnappten nach Luft. Langsam, unendlich
langsam, krochen wir auf das Wasser zu. Erreichten die weiße Linie
zwischen Hell und Dunkel. Schoben uns weiter. Tauchten ein. Glitten
nebeneinander durch träge Kühle. Tauchten auf.
Schrien. Wühlten das Wasser auf, bis wir nicht mehr zu unterscheiden
waren. Lösten uns auf. Zerschmolzen. Verschwanden im Meer.
Stille.
Nacht entstand.
Das Knistern des Feuers setzte uns wieder zusammen.
Wind kam und warf Funken in die Luft. Wir lernten zu atmen. Zu
sprechen, Kleidung zu tragen, zu essen. >> Vergiß nichts davon.
<< sagte Gesa. >> Aber versuch nicht, es jemandem zu
erklären. Darauf steht die Todesstrafe. <<
>> Ich weiß. << antwortete ich. Es klang seltsam. Hatten wir neue Stimmen bekommen?
Das Feuer brannte herunter. Glimmte schließlich nur noch. Wir krochen
zu zweit in meinen alten Schlafsack. Er hatte den Geruch des
Weckerklingelns längst verloren. Roch auf einmal nach Holzrauch. Sagte
Gesa. War mir nicht aufgefallen.
Wir ließen uns vom Geräusch des Windes einlullen, von der Körperwärme
des anderen. Vom feinen Sirren im Sand. Plötzlich hörte es auf.
>> Wer da?!? << schrie jemand.
Strahlen von Taschenlampen stachen uns in die Augen.
>> Wir. << sagte Gesa verschlafen.
>> Aufstehen! Ausweise! <<
Zwei stahlhelmbewehrte Wachposten standen breitbeinig vor uns, ihre Stablampen und die Kalaschnikows auf uns gerichtet.
Das Geräusch des Durchladens.
...
Der Plan stand drin. Betrifft: Isolierung und Eliminierung. Unsere
Namen. Zusätzlich mit hübschen Spitznamen versehen. Ort:
Internierungslager Heiligenruh, Keller des Lehrlingswohnheims
Forstwirtschaft. Datum. Stempel. Unterschrift.
Das Datum war nicht alt, die Unterschrift noch frisch. Der Plan war vom
Anfang Dezember. Er wurde an dem Tag unterschrieben, als wir mit Dr.
Bergmann versiegeln gingen. Isolierung und Eliminierung. Wir durften
den Hefter nicht mitnehmen.
Wir durften über unsere Arbeit nur bedingt Auskunft geben. Dr. Bergmann
achtete darauf, daß nur an die Öffentlichkeit kam, was nicht zu
widerlegen und von größter Bedeutung war.
Einleuchtend. Wir hielten uns daran. Bis auf unseren eigenen Fall.
Wir informierten den Minister ohne Amtsbereich. Er wollte uns sofort treffen. In der Wilhelmshöhe.
>> Na mein Guter, Leben noch frisch? << witzelte Odin als
er uns entdeckte. Windbeutel und Cognac schienen auf die Dauer keine
gute Kombination zu sein.
>> Wir erwarten jemanden. << erklärte ich knapp. Wir setzten uns an einen anderen Tisch.
>> Wen denn? << wollte Odin wissen.
>> Einen Freund. <<
>> Ah! << brüllte Odin unvermittelt, als er Mario kommen
sah. >> Schöner Freund! Einer von den Spinnern, die unser Land an
den Westen verhökern. Die alles kaputt machen. <<
Mario runzelte fragend die Brauen. Ich winkte ab.
Wir redeten nicht lange um den heißen Brei herum. Mario
hörte schweigend zu. Zerfetzte einen Bierfilz mit den
Fingerspitzen.
Bald schwiegen wir ebenfalls. Dachten, was hätte...
>> Ich will euch mal was sagen, Jungs! << schaltete Odin sich ein. Er wankte auf unseren Tisch zu.
>> Komm, laß uns in Ruhe, Odin! <<
>> Werd nicht frech! Ohne mich wärst du längst im Knast, Grasmann. <<
>> Kann sein, kann nicht sein. Ich möchte darüber gerade nicht reden. <<
>> Aber ich möchte. Hast du dir eigentlich überlegt... <<
Mario erhob sich. >> Lassen Sie uns bitte allein. <<
>> Hör mal. Seit wann laß ich mir denn... <<
>> Ich fordere Sie jetzt zum letzten Mal auf: Lassen Sie uns in Ruhe. <<
>> Ich rede mit meinem Freund, wann es mir paßt. Dazu brauch ich dich doch nicht... <<
Mario ging auf ihn zu. Seine Nasenflügel bebten. Odin blieb stehen.
Im Abstand eines halbierten Haares lief Mario an Odin vorbei zum Tresen.
>> Ja? Ist dort die Polizei?... <<
>> Sie kommen sofort. << meinte Mario, als er zurückkam.
>> Das werden wir sehen. << grinste Odin. Verschränkte die
Arme über der fleckigen Krawatte. Blieb neben dem Tisch stehen.
Die Polizisten trugen graugrüne Uniformen wie immer.
>> Der da? << fragten sie nur, als sie Mario sahen. Der nickte in Richtung Odin.
Sie packten ihn rechts und links. Er sackte plötzlich zusammen, als hätte man ihm den Strom abgeschaltet.
>> Kommen Sie! <<
Er brach in Tränen aus. Trat um sich. Schrie.
>> Wissen Sie nicht, wer ich bin?! Ich bin freier Moderator! Sie werden von mir... <<
Sie schleiften ihn einfach raus. Ließen ihn schreien.
Lange Zeit sagte niemand etwas.
>> Wir müssen herausfinden, wer euch bespitzelt hat. << meinte Mario schließlich.
>> So schnell wie möglich. Vielleicht arbeiten sie ja noch. <<
*
Buchpremiere, Lesungen und Gespräche zu "Rabet. La
Scomparsa di un punto cardinale" 2009 in Italien: 9. März Goethe
Institut Genua 10. März Università Mailand; 11. März Libreria
Rizzoli Mailand; 12. März Bologna; 14. März >> La Fabbrica del
Vapore" Mailaland. Chivasso: 22.-25. Oktober, Literaturfestival "I
luoghi delle parole". 26 u. 27. November Universita Sapienzia u.
Goethe Institut Rom, 30. Nov.: Mailand, 1. Dez.: Genua, 2. Dez.: Trient.
Buchpremiere, Lesungen und Gespräche zu "Rabet. Runthunya Jerman Timur" 2010 in Indonesien: 10. - 14.
November - Jakarta/Westjava
15. - 20. November - Banda Aceh/Nordsumatra (Dokarim Bookstore, Kommunitas Tikar Pandan); 23. November - Goethe-Institut Bandung/Westjava; 24. November UNPAD (Padjajaran), STSI (Kunsthochschule Bandung) und Goethe-Institut Jakarta/Westjava; 30.
November - Surabaya/Ostjava (UNAIR & UNESA), 5. Dezember -
Biak/Papua, 10. Dezember - Denpasar/Bali (Sahaja und Universitas Udanyana), 12. Dezember - Dunia Tera, Magelang/Zentraljava (Borobodur), 14. Dezember - Deutsche Internationale Schule (DIS Jakarta).