| RABET oder Das Verschwinden
einer Himmelsrichtung
 | | martin
jankowski Roman, via verbis verlag,
1999 München. Hardcover, 256 Seiten; 15,- €. ISBN
3-933902-03-7 98 | |

|
..................................................................................................................................................
„Auf diesen Roman mussten wir zehn Jahre warten!“
„...beschreibt
sehr authentisch, wie sich vor allem junge Leute in Leipzig gegen das erstarrte
System wehrten - und es schließlich ins Wanken brachten.“
„So realistisch
und komisch zugleich war vom Endspiel der ostdeutschen Geschichte bisher selten
die Rede...“ „Martin
Jankowski belongs to the most interesting voices of a new generation of East-German
writers...“ „...einer der wenigen Romane,
in denen die europäische Dimension des Umsturzes zum Ausdruck gebracht wird
... wirkt einer Legendenbildung um die 'Wende'-Ereignisse entgegen..“
+++ „Jankowski ist einer der wenigen Autoren, die
nicht nur kritisch, sondern auch ironisch kommentieren...“
„Jankowski
beschreibt literarisch, wie der Ruf "Wir sind das Volk" entstand...“ „Jankowski
zieht den Leser unaufhaltsam in den Strudel einer verwirrenden und verwirrten
Zeit hinein. […] 'Rabet' überzeugt mit Nachdenklichkeit, dem Sinnen über verlorene
Werte, Freunde und 'eine Himmelsrichtung'.“
„Jankowski
hat den Mut bewiesen, sich dem Thema der 'Heldenstadt' aus interner Sicht zu nähern.“ „Mit
greifbaren Bildern ... vermittelt Jankowski das Erscheinungsbild einer von außen
und innen zerfressenen Nation.“ „...reflektiert
mit Ironie all die spannenden Monate zwischen Anarchie und Euphorie ... „Als
ich im Frühjahr 2005 das Manuskript von 'Neue Leben' Martin zu lesen gab, lächelte
er und schenkte mir seinen Roman 'Rabet'. Ich las 'Rabet' - und begann einiges
in 'Neue Leben' zu ändern.“
.................................................................................................................................................. | |
|

Leseprobe:
... Im
September 1987 war es vorbei. Es gab nichts zu reden. Ich hatte eine Entscheidung
getroffen. Es war besser, wenn vorerst niemand davon erfuhr. Eines Montagmorgens
packte ich noch vor dem Weckerklingeln meine Sachen und verschwand. Es war alles
genau vorbereitet. Wenn ich schon in einem Käfig leben mußte, dann
wollte ich das Bestmögliche daraus machen: Mich den Montagen entwinden, die
in abgezählten Bündeln bei den zuständigen Stellen für mich
bereitlagen. I don’t like... Irgendwo
mußte noch eine andere Musik gespielt werden. ... Im
größten Sackbahnhof des Landes stieg ich aus. Leipzig. Der
Verkehr lärmte braungrau im bläßlichen Sonnenlicht, es stank nach
giftigem Herbst. Das riesige Doppel-M auf dem Selbstmörderturm neben dem
Bahnhof drehte sich gemächlich über dem Gewimmel, strahlte in deplaziertem
Himmelblau, als wollte es von etwas ablenken. Die Blicke der Passanten verschwammen
im Leeren. Ich war zufrieden. Zu Fuß machte ich mich auf in die
Gegend östlich des Bahnhofs und verschwand im Labyrinth schmutzigbrauner
Wohnblöcke. Aus den Treppenhäusern sickerten seltsam modrige Gerüche
auf die Straße. Je weiter ich mich vom Bahnhof entfernte, desto stiller
wurde es im Häusergebirge. Auf den Dächern rosteten schiefe Antennenwälder,
aus Hunderten winziger Lecks in den verbeulten Fallrohren tropfte es rhythmisch,
von den Fassaden bröckelte Putz. Mit einem hallendem Geräusch fiel er
in die Straßenschluchten, in deren dämmrigen Winkeln sich irgendwo
mein neues Zuhause verbarg, und blieb auf den Bürgersteigen liegen. Eine
lähmende Unzufriedenheit hockte breit über dem Häusermeer. Das
Atmen wurde zur Anstrengung, die den Einsatz des ganzen Körpers verlangte.
Die Luft schmeckte nach Abgasen und Kohlenruß. Mein Instinkt sagte mir,
daß ich hier richtig war. Es war der Geruch der Gärung, der mich anzog.
Mit Bedacht hatte ich diese Stadt als Zuflucht gewählt. Ich hoffte,
daß sich hier etwas Ungeregeltes finden würde, etwas, daß Lücken
zwischen den Käfigstäben auftun könnte, weil der Druck hier am
größten, die Katastrophe am wenigsten zu verschleiern war. Nirgendwo
war der Unterschied zwischen Sonntag und Montag offensichtlicher. In Leipzig war
zweimal im Jahr zehn Tage lang Sonntag. Dann wurden breite Plakate über die
Häuserfassaden gespannt; buntgekleidete Gestalten aus allen Teilen der unbekannten
Welt überschwemmten die Stadt; als Touristen oder Geschäftsleute tänzelten
sie über die unwirklich glatten Fußböden der Ausstellungshallen
der Handelsmesse, lächelten unentwegt, aßen, immer in Eile, in eigens
für sie hergerichteten Restaurants Speisen, deren Namen nicht einmal die
wochenlang penibel geschulten Kellner richtig auszusprechen vermochten, und verschwanden
so unvermittelt, wie sie gekommen waren. Montag war, sobald der Spuk vorbei war.
Wenn man wie immer übers löchrige Kopfsteinpflaster schlufte, nach Atem
rang und sich verwundert die Augen rieb. Reibung setzt bekanntlich
Energie frei. ... Die
Straße hieß Rabet und lag am Rande eines gottverlassenen Viertels.
Niemand konnte erklären, was ihr Name bedeutete. Es klang, als würde
ich auf eine vergessene Insel ziehen. Das gefiel mir. Die kleinen Zimmer
im obersten Stockwerk rochen nach der buckligen Frau, die seit dem Krieg hier
gewohnt hatte und erst vor kurzem gestorben war. Es gab nur Außenwände.
Nur einen einzigen Kachelofen. Schmale Fenster. Doch da war eine Tür, die
man schließen konnte. Ich schloß sie. ... Ein
unablässiges Sirren im Sand war der einzige Laut. Ich konnte es hören,
weil mein Ohr auf dem Boden lag. Es kam von den winzigen Körnchen, die der
Wind unablässig über die feuchte Fläche trieb. Ein eindringlicher,
unirdischer Ton an der oberen Grenze des Hörbaren. Ich spürte,
wie der Ton in mich sickerte, wie er nach und nach meinen Körper durchdrang
und mit feinem Vibrieren alles herauslöste, was überflüssig war.
Die Bilder, die Worte, die Angst. Wann hatte ich zuletzt einen solchen Ton gehört?
Nicht weit von der Stelle, wo wir lagen, breitete sich das Wasser bis zum
Horizont. Die Möwen schwiegen, Wind spielte im Dünengras, die Sonne
war verschwand und färbte den Himmel am unteren Rand lachsfarben. Darüber
wölbte sich tiefes Blau. Ungewöhnliche Stille erfaßte
alles. Den Himmel. Das Wasser. Den Strand. Die Buhnen, die Tangballen, die Dünen.
Die Quallen, die Möwen, die Uferschwalben. Uns. Meine Haut brannte
von der Sonne, vom Salzwasser. Gesas Hand lag kühlend zwischen meinen Schultern.
Wenn ich die Augen öffnete, sah ich einen blassen Arm. Eine Achselhöhle,
kurze Härchen darin. Zimtfarben. Eine kleine sanft gewölbte Brust mit
einem dunkelbraunen Punkt in der Mitte. Helle Sandkörnchen klebten daran.
Vorsichtig rieb ich sie mit der Fingerspitze fort. Das Sirren im Sand.
Es roch nach vertrocknenden Seepflanzen, nach brackigem Wasser. Gesas
Auge, strahlend grau. Kein Ausweichen. Die Atemzüge zerfielen in der Stille.
Das Spiegelbild meines Auges. Das kaum merkliche Zittern des Wassers. Uns
wuchsen feuchte Häute. Wir schnappten nach Luft. Langsam, unendlich langsam,
krochen wir auf das Wasser zu. Erreichten die weiße Linie zwischen Hell
und Dunkel. Schoben uns weiter. Tauchten ein. Glitten nebeneinander durch träge
Kühle. Tauchten auf. Schrien. Wühlten das Wasser auf, bis
wir nicht mehr zu unterscheiden waren. Lösten uns auf. Zerschmolzen.
Verschwanden im Meer. Stille. Nacht entstand.
Das Knistern des Feuers setzte uns wieder zusammen. Wind kam und warf
Funken in die Luft. Wir lernten zu atmen. Zu sprechen, Kleidung zu tragen, zu
essen. „Vergiß nichts davon.“ sagte Gesa. „Aber
versuch nicht, es jemandem zu erklären. Darauf steht die Todesstrafe.“
„Ich weiß.“ antwortete ich. Es klang seltsam. Hatten
wir neue Stimmen bekommen? Das Feuer brannte herunter. Glimmte schließlich
nur noch. Wir krochen zu zweit in meinen alten Schlafsack. Er hatte den Geruch
des Weckerklingelns längst verloren. Roch auf einmal nach Holzrauch. Sagte
Gesa. War mir nicht aufgefallen. Wir ließen uns vom Geräusch
des Windes einlullen, von der Körperwärme des anderen. Vom feinen Sirren
im Sand. Plötzlich hörte es auf. „Wer da?!?“
schrie jemand. Strahlen von Taschenlampen stachen uns in die Augen.
„Wir.“ sagte Gesa verschlafen. „Aufstehen!
Ausweise!“ Zwei stahlhelmbewehrte Wachposten standen breitbeinig
vor uns, ihre Stablampen und die Kalaschnikows auf uns gerichtet. Das
Geräusch des Durchladens. ....
Der Plan stand drin. Betrifft:
Isolierung und Eliminierung. Unsere Namen. Zusätzlich mit hübschen
Spitznamen versehen. Ort: Internierungslager Heiligenruh, Keller des Lehrlingswohnheims
Forstwirtschaft. Datum. Stempel. Unterschrift. Das Datum war nicht
alt, die Unterschrift noch frisch. Der Plan war vom Anfang Dezember. Er wurde
an dem Tag unterschrieben, als wir mit Dr. Bergmann versiegeln gingen. Isolierung
und Eliminierung. Wir durften den Hefter nicht mitnehmen. Wir durften
über unsere Arbeit nur bedingt Auskunft geben. Dr. Bergmann achtete darauf,
daß nur an die Öffentlichkeit kam, was nicht zu widerlegen und von
größter Bedeutung war. Einleuchtend. Wir hielten uns daran.
Bis auf unseren eigenen Fall. Wir informierten den Minister ohne Amtsbereich.
Er wollte uns sofort treffen. In der Wilhelmshöhe.
„Na mein Guter, Leben noch frisch?“ witzelte Odin als
er uns entdeckte. Windbeutel und Cognac schienen auf die Dauer keine gute Kombination
zu sein. „Wir erwarten jemanden.“ erklärte ich knapp.
Wir setzten uns an einen anderen Tisch. „Wen denn?“ wollte
Odin wissen. „Einen Freund.“ „Ah!“
brüllte Odin unvermittelt, als er Mario kommen sah. „Schöner Freund!
Einer von den Spinnern, die unser Land an den Westen verhökern. Die alles
kaputt machen.“ Mario runzelte fragend die Brauen. Ich winkte
ab. Wir redeten nicht lange um den heißen Brei herum. Mario hörte
schweigend zu. Zerfetzte einen Bierfilz mit den Fingerspitzen. Bald
schwiegen wir ebenfalls. Dachten, was hätte... „Ich will
euch mal was sagen, Jungs!“ schaltete Odin sich ein. Er wankte auf unseren
Tisch zu. „Komm, laß uns in Ruhe, Odin!“
„Werd nicht frech! Ohne mich wärst du längst im Knast, Grasmann.“
„Kann sein, kann nicht sein. Ich möchte darüber gerade
nicht reden.“ „Aber ich möchte. Hast du dir eigentlich
überlegt...“ Mario erhob sich. „Lassen Sie uns bitte
allein.“ „Hör mal. Seit wann laß ich mir denn...“
„Ich fordere Sie jetzt zum letzten Mal auf: Lassen Sie uns in Ruhe.“
„Ich rede mit meinem Freund, wann es mir paßt. Dazu brauch
ich dich doch nicht...“ Mario ging auf ihn zu. Seine Nasenflügel
bebten. Odin blieb stehen. Im Abstand eines halbierten Haares lief
Mario an Odin vorbei zum Tresen. „Ja? Ist dort die Polizei?...“
„Sie kommen sofort.“ meinte Mario, als er zurückkam.
„Das werden wir sehen.“ grinste Odin. Verschränkte die
Arme über der fleckigen Krawatte. Blieb neben dem Tisch stehen.
Die Polizisten trugen graugrüne Uniformen wie immer. „Der
da?“ fragten sie nur, als sie Mario sahen. Der nickte in Richtung Odin.
Sie packten ihn rechts und links. Er sackte plötzlich zusammen, als
hätte man ihm den Strom abgeschaltet. „Kommen Sie!“
Er brach in Tränen aus. Trat um sich. Schrie. „Wissen
Sie nicht, wer ich bin?! Ich bin freier Moderator! Sie werden von mir...“
Sie schleiften ihn einfach raus. Ließen ihn schreien.
Lange Zeit sagte niemand etwas. „Wir müssen herausfinden,
wer euch bespitzelt hat.“ meinte Mario schließlich. „So
schnell wie möglich. Vielleicht arbeiten sie ja noch.“ 
| |